Grenzenlos im Alpe-Adria Raum

„Europa der Regionen“ als Zukunftsmodell für Europa 

„Wo man mit Blut einst die Grenze schrieb“, so lautet der Beginn einer Strophe des Kärntner „Heimatliedes“, das alljährlich tausende Volksschüler neu einlernen. Sieben oder Achtjährige Schüler können damit wohl kaum was anfangen: Blut in Kombination mit Grenzen? Eine Kombination, die zumindest in unseren Gegenden eher auf längst Vergangenes hinweisen. 2014 ist es exakt hundert Jahre her, dass der Erste Weltkrieg ausbrach und sich direkt vor der Haustüre Kärntens abspielte. 100 Jahre später haben wir eine einmalige Chance, solch einen schrecklichen Krieg zu verhindern. Die Vorzüge und die Symbolkraft der EU am Beispiel der Alpe-Adria Region. 

Kanonenschüsse, Blut, Stellungen im Hochgebirge, geschundene Soldaten, die bei jeder Witterung ihr Land verteidigen müssen, auch wenn es sich meist nur um wenige Meter handelt. Kaum niemand kann sich heute die Lebensumstände der Soldaten vorstellen, die vor hundert Jahren an der Isonzofront im Einsatz waren. Nachdem Italien in den Krieg eingestiegen war, verlagerte sich eine zentrale Front des Ersten Weltkrieges ganz in die Nähe von Kärnten und zwar an den Fluss Isonzo bzw. slowenisch Soca, nahe der heutigen Grenze zwischen Slowenien und Italien. Auf über 100 Kilometer wurde jahrelang ein furchtbarer Stellungskrieg geführt, der letztendlich kaum Gebietsgewinne gebracht hat.

Das Erbe dieses Krieges waren tausende Tote und ein neuer Staat: Der SHS-Staat bzw. dann später das Königreich Slowenien. Nachdem der Zweite Weltkrieg noch größeres Leid über die Menschen gebracht hat, folgten neuerlich Grenzen. Jugoslawien wurde ein kommunistischer Staat, der Grenzübertritt stark erschwert. Gorizia bzw. Gorica oder auch Görz wurde ähnlich wie Berlin zu einer geteilten Staat: Während der Bahnhof der alten Bahnstrecke Bohinj-Triest zu Jugoslawien kam, blieb das Stadtzentrum italienisch. Es folgte eine neue, stark bewachte Grenze quer durch den Ort. Zwischen Häusern wurde einfach eine neue Grenze gesetzt, neue Zäune versinnbildlichten die neue Trennung.

An dieser festgefahrenen Lage änderte sich lange Zeit nichts. Zwischen Kärnten und Jugoslawien wurden oftmals sogar Personen nach „illegalen Grenzübertritt“ (zum Beispiel unbedacht beim Wandern) in Polizeigewahrsam genommen. Auch zwischen scheinbar „freieren“ Staaten wie zwischen Italien und Österreich gab es strenge Kontrollen, kilometerlange Staus waren die Folge. Zollvorschriften verboten oft sogar die Einfuhr gewisser Gegenstände/Waren.

Bewegung kam erst gegen Ende der 1980er in die Sache. Für die Alpe-Adria Region sind hier zwei Entwicklungen wesentlich. Einerseits entstand im fernen Brüssel so etwas wie der Vorläufer der heutigen EU, die 4 Grundfreiheiten (Freier Personen-Kapital-,Arbeits- und Warenverkehr) wurden verankert. Sie betrafen zwar vorerst nur Italien, da Jugoslawien und Österreich zu diesen Zeitpunkt noch nicht Mitglied der EG waren. Doch dann, im Zuge der Umwälzungen in Osteuropa, gab es auch im Südosten einen kräftigen Ruck – Slowenien erklärte seine Unabhängigkeit und schüttelte den Kommunismus ab.

Nun ging es schnell: Österreich wurde 1995 ein Mitglied der EU, Slowenien folgte 2004. Zwischen Österreich und Italien wurden die Schlagbäume schon 1999 entfernt, an der Grenze zu Slowenien dauerte es noch etwas länger: 2007 wurden auch hier die letzten Hindernisse entfernt. Gorizia und Nova Gorica wurden wieder eine Stadt. Die Teilung der Stadt hatte von 1945 bis 2007 gedauert – deutlich länger als die von Berlin. Die Bürgermeister der beiden Städte eröffneten am Abend des Inkrafttretens des „Schengener Abkommens“ symbolisch einen neu gestalteten Platz zwischen dem Bahnhof auf slowenischer Seite und der Stadt auf italienischer Seite. Erstmals seit 1945 war es nun möglich vom historischen Stadtzentrum von Gorizia zum alten Bahnhof zu gehen – über einen neu gestalteten Platz, ohne Barrieren, ohne Hindernisse, einfach grenzenlos frei.

Es sind diese Gedanken, die mir bei der Region „Alpe-Adria“ durch den Kopf gehen. Anhand dieser kurzen Schilderung des letzten Jahrhunderts, sieht man wie bewegt und wie schmerzhaft die Geschichte dieser Region war. Grenzen wurden gezogen, Menschen getrennt.

Viele Menschen vergessen in der aktuellen Diskussion rund um die EU und ihre Vorzüge/Nachteile die Symbolik, die hinter diesem Projekt steht. Zu stark steht die Krise im Vordergrund, sodass man leicht vergisst, was die EU ermöglicht hat und auch heute noch ermöglicht. Um zu verstehen, was die EU im Kleinen bewirkt, bietet sich ein Blick in eine Region wie die Alpe-Adria Region an.

Hier treffen sich drei große Sprachgruppen Europas, die Romanische (mit dem italienischen und friulanischen), die Germanische (mit dem Deutschen) und die Slawische (mit Slowenisch und Kroatisch). Obwohl es in der Geschichte genug Auseinandersetzungen gab, sind die Gemeinsamkeiten zwischen den drei bzw. vier Ländern (Kärnten, Slowenien, Friaul, Istrien/Kroatien) größer als man annehmen möchte. Gerade zwischen Slowenien und Kärnten, aber auch zwischen Kärnten und Friaul, gibt es viele Gemeinsamkeiten, die durch die lange, gemeinsame Geschichte begründet sind. Das Wort „Malte“ (=für Mörtel) wird beispielsweise in Kärnten verwendet, im italienischen existiert das Wort malta dafür. Die Kärntner Slowenen leben seit Jahrhunderten in Kärnten, Bräuche und Kultur sind auf beiden Seiten der Karawanken ähnlich.  Der Nahme Kärnten  leitet sich von Karantanien ab, ein altes slawisches Königreich, dass viele Jahrhunderte zuvor, sich auf weiten Teilen des heutigen Kärnten und Sloweniens ausgebreitet hat. Karantanien, Kärnten – gar nichtmal so unterschiedlich oder? Und im Norden von Friaul gibt’s noch die Region Carnia. Carnia, Karantanien, Kärnten. Alles eins. Gemeinsame Wurzeln, die weit in die Geschichte zurückreichen.

In der Vergangenheit wurde versucht durch rassistische Methoden, Grenzen und Abgrenzungen, Unterschiede sichtbar zu machen, diese anzusprechen und sich voneinander abgrenzen. Denn: Existieren Grenzen sowie Grenzkontrollen dann entsteht automatisch das Bild, „drüben“, das ist was anderes. „Drüben“ ist aber mehr vertraut als das einige Gebiete, die man zum eigenen Land zählt. Kärnten hat deutlich mehr Gemeinsamkeiten mit Friaul und Slowenien als mit Oberösterreich oder Vorarlberg. Wieso ist der „Montasio-Käse“, der nach dem gleichnamigen Berg, nur 40 km entfernt von Villach, benannt ist, als „italienischer Käse“ im Käseregal angegeben? Und der Bregenzer Almkäse, der etwa 5 Stunden oder mehr unterwegs ist, bis er in Villach ankommt, wird als „Produkt aus der Heimat“ angeboten?

Im Europa von heute müssen wir alte Grenzen, alte Einteilungen verlassen und neue Wege bestreiten. „Regionen-Denken“ ist gefragt. Der Montasio-Käse gehört eigentlich mehr zur „Heimat“, als ein Käse aus Vorarlberg. Da uns jedoch über Jahrzehnte eingetrichtert wurde, dass eine gesetzte Grenze unsere Heimat, unser Land begrenzt von „dem da dort“, folgen wir dieser sonderbaren Einteilung, ohne sie zu hinterfragen.  Heimat sollte sich nicht an von Menschen gesetzte Grenzen orientieren. Heimat sollte dort sein, wo man sich wohlfühlt. Für mich ist es ein Teil des Heimatgefühles, in Udine einzukaufen, in Ljubljana gut zu Essen und dann in etwa 1 Stunde daheim zu sein. Geschichtlich, kulturell, die Mentalität – die Kärntner Lebensweise passt mehr zu der von Einwohnern des Friauls oder Sloweniens. Trotzdem gibt es rechtspopulistische Politiker, die noch immer nicht die vielen Gemeinsamkeiten sehen wollen und weiter stur das Konzept von „nationalen Grenzen“ und Nationalismus verfolgen.

Dabei passt ein „Montasio-Käse“ doch besser zu einem guten Kärntner Speck, und eine Cremeschnitte aus dem slowenischen Bled eignet sich doch besser als eine Donauwelle, liegt

dieser Fluss doch über 200 km entfernt von der Alpe-Adria Region.

Was hindert uns eigentlich noch daran, nicht endlich „regional“ statt „national“ zu denken? Ein Europa der Regionen erfordert Aufgeschlossenheit und Interesse daran, neues kennenzulernen. Denn, die Unterschiede sind natürlich da. Sie sind wie die Würze des Lebens, die den Alltag etwas auffrischen. Aber nur, wenn man sich mit dem anderen auseinandersetzt, entdeckt man auch die Gemeinsamkeiten.

Für mich ist die Alpe-Adria Region eine der abwechslungsreichsten und vielseitigsten Regionen Europas. Nirgends in Europa gibt es so unterschiedliche Landschaftsformen auf einen Fleck. Morgens mit einem Bad in einem türkisblauen See starten, vormittags dann eine Bergtour, zu Mittag einen guten Wein in der Weinhügellandschaft und gegen Abend im Meer baden. Ja, das ist möglich in dieser Region. Zwischen „Collio“ und Goriska Brda, zwei tolle Weingebiete, die es landschaftlich mindestens mit der Toscana, aufnehmen können, kann man heute grenzenlos hin und herwechseln.

In Gorizia/Nova Gorica von Land zu Land zu wechseln, ohne jemals nach einem Ausweis gefragt zu werden. Am Predilpass fahren an  Wochenenden  hunderte Fahrradfahrer hin und her zwischen Slowenien und Italien, Slowenen, Italiener, Österreicher, da wo vor 100 Jahre vielleicht ihre Großväter sinnlos für einige Kilometer Land gekämpft haben.  Ein Villacher Einkaufszentrum hat sich den Slogan „Senza confini“ – ohne Grenzen – ausgesucht und richtet seine Marketingaktionen auch danach aus. Zwischen den Staaten gibt es keine Grenzkontrollen mehr. Vorbei die Zeit von kilomterlangen Staus, Angst vor der Zollkontrolle. Alles was an die Grenze errinert ist eine kleine Tafel. Es ist diese Symbolik, die von so vielen derzeit vergessen wird. Diese EU hat es geschafft, Grenzen abzubauen. Vieles ist schon passiert, aber es ist noch ein weiter Weg zu einem „Europa der Regionen“.

Ich für meinen Teil lebe den „Regionen-Gedanken“ schon. Ich denke nicht mehr in Österreich-Slowenien-Kroatien, sondern in der „Graz-Maribor-Zagreb Region“, der „Wien-Bratislava-Budapest“ Region, der „Salzburg-München Region“, der „Prag-Linz-Region„.

Einkaufen in Udine, am Strand liegen in Grado, eine Runde Schwimmen im Faaker See, einen Stadtspaziergang durch Ljubljana oder Villach. Wieso sollte ich den Raum Udine nicht als „mein Land“ ansehen, Bregenz aber schon? Udine liegt knapp 1 Stunde entfernt, Bregenz gleich 5-6. Die alten Grenzen taugen nur mehr für das Museum. Sie sind nicht zeitgemäß. Begriffe wie „Heimat“, „Staat“ müssen neu hinterfragt werden. Das Gute liegt so nah – und ein „Europa der Regionen“ hilft, es zu entdecken.